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Klick hier um 'PASSAGE' in pdf Format herunter zu laden / Dateigröße: 1,6 MB / HEFT: Seite 1-8: Lage (zweiseitig) / Seite 9: Umschlag. © 1994, Rotterdam, Arnold Schalks.

 

BERICHT EINES WANDERERS / Ove Lucas

Bremen, 20. Februar 1994

Dort oben in den nach frisch gestrichen riechenden Sälen des Neuen Museum Weserburg sieht die Szene ziemlich absurd aus. Am Ufer der Kleinen Weser, einem Nebenfluß der Weser im Zentrum von Bremen, auf der gegenüberliegenden Seite, steht ein kleines Holzhaus. Drumherum eine Gruppe frierender Menschen, die sich am Glühwein wärmen und an der Erregung über das was geschieht. Im Wasser, oder besser gesagt, durch die Eisfläche, in der sich mit knapper Not ein paar Fahrrinnen befinden, bewegt sich ein Ruderboot mit zwei Menschen. Ihre orangen Schwimmwesten heben sich scharf ab. Am Ufer läuft jemand mit; mühsam hackt er mit einem langen Stock auf das Eis, damit es bricht und das Boot weiter fahren kann. Der Himmel ist grau und die Temperatur unter Null, es schneit. Seltsam hier zu stehen, aus dem Fenster eines warmen Museums zu schauen, obwohl ich noch kurz vorher bei diesem Häuschen am anderen Ufer stand und zu der für den Außenstehenden seltsamen Menschengruppe gehörte. Auch Wärter kamen ans Fenster und wunderten sich über die zwei im Ruderboot. Und es war natürlich eigenartig, so mitten in der Kälte ein Boot mit zwei Menschen in auffälligem Orange, die sich einen Weg durch die Eisschollen bahnten. Als einen Augenblick später rechts unter der Brücke, wo die Wasserfläche noch offen war, Schwäne auftauchten, wurde ihre Aufmerksamkeit verlagert.

Jenseits der Kleinen Weser wurde die Reederei/Fähre Schalks gegründet. Ein nahezu vergessenes, nutzloses Gestade, höchstens für einen kleinen Spaziergang geeignet. Häuser, von Weg und Durchgang vom Wasser getrennt. Diesseits, eine Insel, die die Kleine von der Weser trennt. Reederei/Fähre Schalks: ein Holzhaus, in dem jetzt Glühwein und Fahrkarten verkauft werden und ein Ruderboot für zwei, 't Schalkje V , mit dem Passagiere von einem Ufer ans andere übergesetzt werden (Übersetzung) und eventuell zurück. Eine Reise von nichts nach nirgendwo, so scheint es, und umgekehrt. Soeben ist das Unternehmen feierlich in See gestochen. Der Chor hat Seemannslieder gesungen, seine Mutter 't Schalkje getauft und der erste ging an Bord. Bremen, Sonntag, 20. Februar 1994, 12.00 Uhr, ununterbrochen fällt nasser Schnee aus einer grauen Wolkendecke. Das Narrenschiff fährt los 1).

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An diesem Morgen, nach einem langen Spaziergang durch die winterliche Stadt, während das ganze Stadtgebiet von den Glocken des St. Petridoms dirigiert werden, und es breitet sich wie eine wärmende Decke über Bremen aus, kam ich um genau zehn Uhr bei der Kunsthalle an. Es machte mich traurig. Irgendwann einmal muß sie imposant und vornehm gewesen sein, jetzt verlebt und sichtlich gebeugt unter dem Mangel an Geld, schlichtweg, um das Gebäude zu erhalten. Wohl mit einem neuen Flügel, mit Respekt vor der ursprünglichen Architektur - aber wie es verkümmerte. Die Säle voll, ordentlich nach Zeit und Strömung, so ohne Seele. Oh weh, sie, die dort den lieben langen Tag auf und ab gehen müssen, damit niemand es wagt, etwas zu berühren. Sicher, Bekannte und Berühmte fanden ihren Platz unter diesem Dach, so wie überall wohl etwas von ihnen zu finden ist. Im Saal mit holländischer Malerei des 17.Jahrhunderts hing etwas auf dem, was man einen Ehrenplatz nennt. Es sieht wie ein...Ist das wirklich ein...Es ist (nur?) ein Portrait, gemalt von einem aus dem Kreis um.......... noch nicht mal zugeschrieben. Nichtsdestotrotz, es hätte doch, so auf den ersten Blick, von weit weg, ein Rembrandt sein können. Die Glocken läuteten wieder, als ich, gut anderthalb Stunden später, die Verwaisten hinter mir ließ und mich auf die Suche nach der Kleinen machte. (Unwillkürlich muß ich an die Zugfahrt hierher denken. In der Gegend um Hengelo saß mir eine junge Frau gegenüber. Ein großes rundes Gesicht, beinah errötend, blond und volle Formen, überall, locker und vollkommen natürlich. Natürlich, solche Frauen leben dort und nirgendwo anders. Nicht in Rotterdam. Und so muß es sein. Dieses Verlangen läßt einen, ich nenne irgendein Beispiel, in Vroomshoop oder Oldenzaal den Zug verlassen.) Gestern abend, auf Erkundungstour, bin ich auch hier vorbeigelaufen, drumherum und nah heran. Alles dunkel und still, nichts deutete auf den heutigen Tag, obwohl das Holzhaus doch schon früher aufgebaut worden sein muß. Nun sah ich es von der Brücke aus direkt, tatsächlich, als ob es immer dort stünde.

Wieder schaue ich aus dem Fenster, inzwischen einige Stockwerke höher, in diesem makellosen Neuen Museum, und sehe Menschen, weniger zahlreich, geflüchet natürlich vor der Kälte, an jenem Ufer. Immer mühsamer schwankt 't Schalkje durch das Eis. Er, der mit seinem langen Stock über die glatten Felsbrocken, die ziemlich steil entlang des Wassers aufragen, vorausläuft, muß beinahe Sisyphus sein. Hinter mir sind unsere Helden der letzten Jahrzehnte aufgebahrt. Nur ein Einzelner gibt ihnen die Ehre, der Wächter folgt uns auf dem Fuße (Kriechen und Schleichen auf dem Dachboden. Ein verdunkelter Raum, worin das memento mori von Boltanski. Gerade als ich den Raum wieder verlassen will, öffnet er die Tür. Ein devotes Nicken des Kopfes, stillschweigend begreifen wir, daß man hier nicht zu lange allein verbleiben kann.) In diesem Panoptikum der modernen Kunst ist die Zeit zum Stand gebracht. Draußen wirft der Schiffer dem Mann an Land ein Tau zu.

Wir stampfen um das HAUS, und ist es nur, um dem Winter zu trotzen. Der CHOR singt und die MUTTER gießt eine Flasche aus. Auf der anderen Seite liegt das Herz von Bremen, hinter dem Museum ragen Türme in die Luft, unbemerkt werden Menschen gerade zum Roland hinaufschauen und dann zögernd die Stufen zum Sankt Petri besteigen. Es ist weit weg von hier, an diesem Ort und in diesem Moment gelten andere Gesetze (der Schiffer schreitet die Stufen hinab, Charon scheint wiedergeboren). An diesem Ufer glimmt etwas, das man irgendwann einmal HOFFNUNG nannte. (Widerspenstig ist die Kleine schon, als 't Schalkje hinuntergetragen wird und der erste, in der Ferne, ungeduldig auf seine Einschiffung wartet, während SIE zwischen uns erstarrt. Obwohl, schon häufiger stellte ich mir die Frage, welcher Erlösung der Vorzug zu geben ist: der Wölbenden oder der Spaltenden. Ist es wirklich schöner, in den Armen einer jungen Frau zu sterben, als auf dem Rost oder von Pfeilen durchbohrt?) Mich umgibt Glaube an die Dinge die wir tun, auf der anderen Seite, verschanzt und bloßgelegt, hängen die Geweihe, zur Strafe für eine außer Kontrolle geratene Jagd. Der erste kommt an Bord, auf seiner Fahrt beschwört und umhegt er die Kleine, murmelnd durchwatet er sie, denkt sicherlich, so einen Fuß ans Land zu bekommen (Heh, du Tor, hier ist Narragonien 2), so sprich doch, Mann, sprich!)

Arnold Schalks, 1994, Passage, Bericht van een wandelaar, brochure, Bericht eines Wanderers, Broschüre, Notes d'un promeneur, Reederei SCHALKS präsentiert 1995, Abreisskalender, Reederei SCHALKS präsentiert/presenteert 1995, scheurkalender, Ove Lucas, Regina Sasse, Horst Griese, Helmut Wieben, Frank Pusch, De Weser Bootschap, Die Weser Bootschaft, Rederij Schalks (vertalingen), Reederei SCHALKS (Übersetzungen), Galerie im KünstlerHaus am Deich, Bremen, Galerie Jorge Alyskewycz, Parijs

 

Jubel klingt um das Haus. 't Schalkje legt an, auf das Eis schlägt unaufhörlich die lange Latte. Kaum etwas ist geschehen und wir sind ergriffen. Ein Bötchen fährt von nirgendwo nach nichts, nimmt denselben Weg zurück. Dort hinten sehe ich ein Gesicht hinter einem Fenster, es schaut mich an, es wundert sich entschieden und fragt, was dies alles zu bedeuten hat. Andere schauen mit ihm, bis zu dem Augenblick, in dem, links unter der Brücke, zwei Schwäne näher kommen. (Vielleicht denkt es in diesem Augenblick an etwas, das von einem bestimmten Standpunkt aus wie etwas, das in seinem Gedächtnis aufgehoben, aussieht, schön und bedeutungsvoll - und dies in Hinsicht auf das Lächerliche, das sich jetzt auf seiner Netzhaut bewegt. Womöglich wird er, zu diesem Ufer blickend, mit den Menschen rund um das Haus und dem Ruderboot im Wasser, ergriffen von dem Gefühl, daß das, was hier geschieht, seine Phantasie raubt.) Später, nach dem Museum, zwischen zwei Häusern, auf der anderen Seite des Wassers, entdeckt er das Haus wieder. Verschlossen und verlassen. 't Schalkje aus dem Wasser gehoben.

Sonntag 20. Februar 1994. Im Zug nach Osnabrück. Draußen zieht ein Schneesturm vorüber. Ich schließe die Augen, die Kleine Weser erscheint. Unvermeidlich ist sie blond, und in sie, mein Narrenschiff, lege ich meine Gedanken. Rund um das Behouden Huys 3) haben wir getanzt, unsere Sehnsüchte dem Schiffer gegeben.

Rotterdam, 21. Februar - 1.März 1994

 

1) Das Narrenschiff : Der Straßburger Sebastian Brant (1458 - 1521) veröffentlichte 1494 Das Narren Schyff. Das moralisch-satirische Lehrgedicht ist in deutschen Reimversen geschrieben. In seinem Werk versammelt Brant die Narren auf einem Schiff, wobei er jeden Narren als Personifikation bestimmter Schwächen, Vergehen und Laster ausführlich schildert. Die Darstellung wird durch zahlreiche Holzschnitte illustriert. (zurück zum Text)

 

2) Narragonien: Imaginäres Land, Heimat der Narren, ein Reiseziel des Narrenschiffes. (zurück zum Text)

 

3) Het Behouden Huys wäre mit 'Das sichere Haus', in Anlehnung an den 'Behouden Haven', den sicheren heimatlichen Hafen, zu übersetzen. Es war der Name der aus Wrackteilen zur erzwungenen Überwinterung gebauten Hütte des niederländischen Seefahrers und Entdeckers Willem Barentsz, der dort Ende des 16. Jahrhundert bei der Rückkehr von Nordkap von Nowaja Semlja starb. Hier fand man erst 1871 Barentsz Reisebericht und das Behouden Huys wurde zu einem Begriff.