DIE KUNST DER REEDE / Thomas Wolff

'die tageszeitung', Bremer Ausgabe, 21.2.1994, Cultuur, Seite 23.

Arnold Schalks

Der Übersetzungskünstler Arnold Schalks betreibt eine neue Weserfähre/ Gestern waghalsiger Stapellauf.

De Weser steiht! Was zur Eiswette fast nie gelingt: Ausgerechnet jetzt ist es passiert, ist die Weser zugefroren und dicht. Und hätte damit beinahe das waghalsige Kunstprojekt zum Kentern gebracht, das der Rotterdamer Arnold Schalks seit Wochen vorbereitet: ein Fährbetrieb zwischen Neustadt und Teerhofinsel, zwischen Schalks' Gastatelier im "Künstlerhaus am Deich" und dem Museum Weserburg. Alle Wetterunbilden konnten den Stapellauf gestern aber doch nicht verhindern. Denn Schalks versteht sich als Übersetzer, in jedem erdenklichen Sinn des Wortes. Und darin ist er ziemlich hartnäckig.

Also hat Schalks gleich eine komplette Reederei aufgebaut, um seiner eher sprachfilosofischen Arbeit einen handfesten Ausdruck zu verleihen. Kein Detail ist ausgelassen: Fähranleger, Kassehäuschen, Fahrzeitenschild. Die Fahrausweise aber haben besonderen Wert.

Nicht nur tragen sie ordnungsgemäß die Namen des Fahrgastes sowie der Fähre; auf der Rückseite ist die eigentliche Übersetzungsleistung vermerkt: Ein Wort, daß Schalks mittels Wörterbuch vom Deutschen ins Holländische übersetzt - beim Hin- und Rückfahrt auch retour.

Wer gemeinsam mit dem Künstler die Weser überquert, erlebt so gleichzeitig den Eigensinn der Sprache, wie sie schlingert und schwankt - und daß die Worte selten so ankommen, wie man's vielleicht denkt.

"Worte die eher tückisch sind" übersetzt Schalks am liebsten. Da braucht er nicht lange zu suchen. Aus dem holländischen "gevestigd" z.B. wird im Deutschen "fest", und daraus wird wieder "vast" - so schnell geht das. Aber an cleveren Sprachspielereien allein hat Schalks kein Interesse. Der Fährbetrieb, mit all seinen Zufälligkeiten und Widrigkeiten, ist zu einer vieldeutigen und sehr anschaulichen Metapher für den Doppelsinn der Worte geworden. Dabei werden nicht nur die Eigenheiten der Kulturen betont: Schalks' Übersetzungen lassen auch erkennen, wie nahe die Sprachen einander sind, und wie knapp die Bedeutungen manchmal aneinander vorbeischrammen.