WESERBRIEFE / Arnold Schalks & Andre Dekker
R'dam, 11. 12. 1994
Lieber Andre, auf der anderen Seite des Fensters laufen ununterbrochen die Ozeanriesen in den Hafen ein. In treibendem Takt schreiten sie vorbei, zu vornehm, sich zu einer Reaktion auf das Peitschen des Windes herabzulassen. Mit mechanischen Pirouetten trachten ihre Radarantennen die Umgebung zu hypnotisieren. Und ich, ich sitze drinnen und baue im Trockendock meines Schreibblocks ein Boot, und ich taufe es: MS ICHDENKE.
Tuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuut!
(Das fortbewegte Schiff)
Verwunderlich, daß das solide Messing der sich drehenden Schiffsschraube Halt findet im weichen Wasser, das es so genau umschließt. Und daß das unmittelbar daran angrenzende Wasser sich wieder anspannen kann gegen das daran angrenzende Wasser, das - seinerseits - Unterstützung sucht im ständig weiter werdenden Umkreis der Weichheit des eigenen Elements. Die mühsame Staffel ist erst dann zu Ende, wenn die Kunde, die bei der Schiffs-schraube begann, jenes Wasser erreicht, das die Brandung an der Uferlinie fernen Festlands versorgt. Erst dann findet dort die Bekräftigung der Umwälzungen der Schraubenachse statt und ist das Vorantreiben des Schiffes in eine von ihm gewünschte Richtung eine Tatsache. [...]
Grüße von Arnold.
R'dam, 13. 12. 1993
Lieber Andre, der bisher von mir zurückgelegte Weg nach Bremen hat eine negative Länge oder beträgt im günstigsten Fall 0. Die Schritte, die ich bis zum heutigen Tag unternommen habe, muß man als Anlauf sehen, den wirklichen Parcours zu betreten, der da heißt: Reederei SCHALKS. Diesen Parcours betrete ich am 23. Dezember 1993, um ihn erst am 26. Februar 1994 wieder zu verlassen.
Bevor ich endgültig wegfahre, müssen Angelegenheiten hauswirtschaftlicher, administrativer und logistischer Art vorbereitet oder abgehandelt werden. Alles, um ein möglichst günstiges Arbeitsklima in Bremen zu schaffen. Inzwischen ist die Bahn größtenteils geräumt und von Hindernissen befreit.
Manche Nacht verbringe ich wachend. Vor Sorgen oder Aufregung? Mit Ungeduld oder Zweifel?
Ich versuche unausgesetzt, Zugang zum kollektiven Familiegedächtnis zu bekommen, in dem die Erfahrungen vom Bau zweier Schiffe bewahrt sein müssen. Tastend suche ich nach Hinweisen, die verraten, daß ich auf dem richtigen Weg bin, aber meine tastenden Finger fanden bis jetzt nur den Knopf der Nachttischlampe, der mich, wenn ich auf ihn drückte, in die überbelichtete materielle Existenz zurückversetzte. Das Wiederholen der Schiffsnamen der Familienflotte (Schalkje I bis IV ), so als seien sie ein Mantra, hatte nicht den gewünschten Erfolg. Doch so wie alle Schiffe verschieden sind, ist auch das Wissen, das für den Bau eines speziellen Schiffes benötigt wird, spezifisch: Mein Großvater baute ein Schiff aus Holz, also ist der Werkstattboden seiner Erinnerung übersät von Hobelspänen und Holzschnitzeln. Mein Vater baute ein Schiff aus Eisen, also finden wir auf dem Boden seiner Erinnerung Feilspäne und Schweißschlacken. Vielleicht ist das Gedächtnis tatsächlich holographisch. In diesem Falle würde ich alles dafür geben, einen erinnerten Hobelspan oder etwas Schlacke in meinen Besitz zu bekommen, um anhand davon rekonstruieren zu können, wie 'das Schiff ' gebaut wird.
Es wird Zeit, das Material für mein zukünftiges Fahrzeug zu wählen. Dabei muß ich von meinen persönlichen Vorlieben und Fähigkeiten ausgehen: Gegen Metall habe ich immer schon Mißtrauen gehegt, weil es sich hauptsächlich mit Gewalt bearbeiten läßt. Holz liegt mir mehr. Holz kann ich lesen, mit Holz kann ich formulieren, also liegt Holz nicht auf der Hand?
Aber, am liebsten würde ich ein Boot von anderem Material bauen, einem Material, das sich in der Praxis nicht dazu eignet, Schiffsrumpf und Kombüse zu formen, einem Material mit vollkommen autonomem Status, dem Material, das sich niemals lange mit einer Form zu konsolidieren wünscht oder das sich niemals endgültig ganz gleich welcher Bearbeitung fügen wird, jenem Material, das der ungekrönte Entfesslungskünstler im Eisfach ist: Wasser.
ch bin sicher, daß mir in Bremen die Zeit fehlen wird, ein Boot aus Wasser zu erfinden, und darum nehme ich mir vor, ein Boot aus Holz auszuführen, denn: Holz schwimmt auf Wasser, Metall dagegen sinkt. [...]
Grüße von Arnold.
Arnheim, 17. Dezember 1993
Lieber Arnold, du willst anhand eines erinnerten Hobelspans die Konstruktion des Schiffes rekonstruieren, das im Bau war, als dieser Span auf den Boden der Werkstatt Deines Großvaters fiel. Du gehst davon aus, das dieser Hobelspan im kollektiven Familiengedächtnis bewahrt ist, in einem Archiv, zu dem Du vergeblich Zugang suchst. In Deinem Bett versuchtest Du, mit der Technik des sich an die Gottheit richtenden Menschen, durch hypnotisierende Wiederholung von Worten bis ein Rhythmus übrigbleibt, empfänglich zu werden für Stimmen von außen: Stimmen, die über den bedeutungslos gemurmelten Worten klingen. Doch dieses Rufen erreichte niemanden.
Vielleicht sind die folgenden Hypothesen für Dich von Nutzen. Das Familiengedächtnis gibt es nur außerhalb der Familie. Es ist also kein Wunder, daß Du in der Familienlinie, deren Ende Du bist, vergeblich Wissen suchst. Ein Familiengedächtnis wird von Menschen ins Leben gerufen, die im biologischsozialen Sinn des Wortes keine Familie haben: den Einzelgängern, den Herumtreibern, den Verstoßenen, den Geistlichen, den Waisen, den Narren, den Toren und den Einsiedlern. Deine Familie brauchte keine Datenbank, um dort Geschichte oder Errungenschaften wie den Bau eines Schiffes zu speichern. Dieses Archiv war überflüssig, weil sie (Hypothese) das strömende Gedächtnis benutzen wollten, während Du (Hypothese) angewiesen bist auf das sammelnde Gedächtnis. Nur die letztere Form, die sammelnde Form, kann man das kollektive Familiengedächtnis nennen. Das strömende Gedächtnis, das fast ausschließlich nur innerhalb von Familien vorkommt, funktioniert wie folgt. Die zu Wort und Wissen gewordene Erfahrung Deiner Eltern wird in Gesprächen überliefert, oder genauer gesagt, in der Form von Liebe, Instruktion, Gebot und Verbot. Das Archiv ist überflüssig, denn diese Einsichten werden durch eine direkte Methode übertragen. Bei dieser Übertragung von geistiger Materie strömt das Material von der einen Person in die andere. Man kann es mit dem Guß von Eisen vergleichen. Das flüssige Metall, den Eltern entstammend, versehen mit ihren Eigenschaften und denen ihrer Eltern und derer Eltern und derer Eltern (etc.), wird gegossen und nimmt die Gestalt der Gußform, ihres Sohns oder ihrer Tochter an. Und diese sollten ihrerseits auch wieder dasselbe tun. Ihr Heranreifen verursacht die Wärme, die notwendig ist, um die Erkenntnisse flüssig zu machen, damit das in ihnen erstarrte Material umgefüllt werden kann. Wird diese Kette durch Tod oder Widerstand einer der Parteien unterbrochen, sind diese Menschen auf die sammelnde Methode angewiesen, oder auf das kollektive Familiengedächtnis. Hierbei wird geistige Materie zusammengetragen, genau wie Waldbewohner ihre Nahrung sammeln. Sie sind abhängig von dem Wissen um Quellen und Fundstellen und entwickeln Methoden, unbekannte Quellen zu entdecken. Das kollektive Gedächtnis ist im Grunde genommen ein Instinkt, etwas zu finden. Das Gedächtnis besteht aus Verweisen und Interpretationen von gegebenen Größen. Man nennt dieses Gedächtnis kollektiv, weil diese Gruppe von Menschen gemeinsam für den Unterhalt des Systems verantwortlich ist. Alle sind verpflichtet, das durch die Natur der Sache beschränkte Wissen weiterzugeben. Das ist also der Grund, weshalb Geistliche, Narren, Toren und Herumtreiber ununterbrochen reden: entweder sie lernen das Gehörte auswendig, weil sie Angst haben, es zu vergessen oder sie besprechen mit sich selbst den Wert ihres Wissens. Eine kleine Kategorie innerhalb dieser Gruppe arbeitet an diesem kollektiven Familiengedächtnis mit Hilfe von Bildern und Büchern.
Ein Indiz für meine Vermutung, daß Du zu den Sammlern gehörst, ist Deine Idee, in den Häfen von Bremen und Rotterdam auf die Suche nach Relikten des Schiffbaus von früher zu gehen. Wahrscheinlich wurde in Deiner Familie irgendwann einmal die Kette unterbrochen oder war die strömende Methode nur teilweise erfolgreich. Instinktiv wußtest Du, daß es auf das Sammeln ankommen würde, um Wissen zu erlangen. Deine durchwachten Nächte, die Versuche, Auge in Auge an die Quelle des Wissens Deiner Familie zu treten, Deine Phantasien über The Holy Span sind (Hypothese) die Nachwehen der Geburt des Ich!
Tuuuuuuuuuuuuuuuuuuut!
Ich sehe Dich deutlich vor mir auf dem Sprungbrett gehen. In einigen Tagen wirst Du hochschnellen zum Sprung in Bad Deutschland. Wenn das Brett in acht Tagen ausgefedert ist, werde ich springen. [...]
Grüße von Andre.
Bremen, 1. 1. 1994
Lieber Andre, ich bin ins Wasser gegangen. Nicht zum ersten Mal, nicht zum letzten Mal. Unterwegs versuche ich, die Tiefen zu orten, die sich zweifellos unter mir befinden. Meine gestreckten Zehenspitzen fanden noch keinen Grund. Schwimmen ist eine erprobte Art und Weise, um oben zu bleiben.
Nach meiner Ankunft in Bremen habe ich mich so schnell wie möglich in der Atelierwohnung in der obersten Etage des Künstlerhaus' eingerichtet. Hinter den Fenstern: freundlich wogende Baumkronen. Es ist ein geeigneter Raum. Die Zentralheizung macht die Gesellschaft komplett.
Zuallererst habe ich mich der Infrastruktur für die kommende Austellung gewidmet. Auf dem Computer komponierte ich die Einladungskarte, die Beschilderung, den Fahrschein und den Fahrplan der Fähre. Danach habe ich mich um die Kartographie meines Oeuvres gekümmert. Ich sammelte Koordinaten, Fakten über Zeitlage und Eigenschaften des Werkes und erstellte eine Liste mit Titeln, die ich ins Deutsche übersetzte. Die dazugehörigen Abbildungen brachte ich ohne Unterschriften in einem Bildarchiv unter. Das zweisprachige, dreiteilige Inventar, das daraus resultierte, könnte man das Betriebskapital, die Triebkraft der Reederei nennen.
Im Wohnteil meiner Räume kann man das Rauschen der Kleinen Weser durch die geschlossenen Fenster hören. Ich lausche ihr wie ein Funkamateur, der auf einer von ihm gewählten, noch nie benutzten Wellenlänge ein Lebenszeichen erwartet. Außer dem Wasser, das über das Wehr stürzt, und dem Gehämmer der Erika Schreibmaschine herrscht hier absolute Stille. Es ist gut, mit einem vollem Kopf in einem leeren Raum zu sitzen. Genügend Platz, Gedanken unterzubringen.
Es kommt ein Moment, in dem man dahinterkommt, daß das Gleichgewicht keine selbstverständliche Tatsache ist, sondern daß es gewahrt werden muß. Die Reling ist nicht der geeigneteste Ort, das zu entdecken:
- Meinen Fall begleitete ein von Augenzeugen ausgestoßener, dissonanter Akkord, der fortissimo einsetzte, um, nachdem ich den Wasserspiegel durchbrochen hatte, subito-piano in einen optischen Schlußakkord von hautpsächlich Grüntönen überzugehen. Grün als "Fahrt"-Zeichen für das Leben, den Körper zu verlassen. Der Widerstand war unmittelbar gebrochen, die Freundschaft geschlossen. Friedvoll wälzte ich mich in dem mir unbekannten Element und hoffte, meinen schwerelosen Aufenthalt verlängern zu können. Im Falle von atemloser Bewunderung tut Atmen nichts zur Sache. Mein sich träge vollziehender Abstieg wurde jäh unterbrochen. Ein akkurat plazierter Haken zog mich ohne Umschweife aus dem Wasser, hinein in die nun ganz nahe klingenden Stimmen aus Gestalten, die sich weit über die Reling gebogen hatten. -
Was mir von dieser Erfahrung im Gedächtnis haftenblieb, ist vor allem die Farbe. Gerne begebe ich mich in den grünen Lichterschein, den ein dichter Laubwald an einem Sommertag manchmal hervorrufen kann. Lieber noch befand ich mich in den Röhrchen einer Wasser-waage und genoß dort das einfallende, diffuse, hellgrüne Licht.
- Wenn wir in dem punt 1) in unsere Schlafsäcke gekrochen waren, kam kurz darauf unvermeidlich der Augenblick, daß meine Eltern ihre Schlafplätze für die Nacht herrichteten. Die Rückenlehnen der Sitzbänke in der Kajüte wurden dann flach als Matratzen auf den heruntergeklappten Tisch gelegt. Die Handlungen ließen das Schiff leicht schaukeln. Ich stellte mir dann vor, als Erste Hilfe beim Einschlafen, ich sei eine Wasserwaage, deren Luftblase mal in meinem Scheitel und mal in meinen Zehenspitzen war. -
1) Der Bug, wo sich unsere Kojen befanden.
Meine Nachtruhe ist wieder gesund. Aus dem Dachfenster von meinem Schlafzimmer habe ich Aussicht auf einen riesigen Baukran, der wegen der Weihnachtsferien bisher unbemannt blieb. Zu meinem Erstaunen befand sich das Gefährt jeden Morgen in einer anderen Position. Am Anfang dachte ich, daß ich mich irrte. Die Positionsveränderung war so minimal, daß ich es einer optischen Täuschung zuschreiben konnte. Bis heute. Der Umschwung von heute morgen war unmöglich zu übersehen. Inzwischen bin ich klüger: Irgendwo in seinem Innersten verborgen muß er über eine Vorrichtung verfügen, die die Windrichtung wahrnimmt und dafür sorgt, daß die Rückseite immer frontal zum Wind steht: alles was ein Kran von seinem Format braucht, um aufrecht zu bleiben. Ich grüße ihn in Gedanken, wenn ich ihn in der Ferne auftauchen sehe wie eine gigantische Windfahne über der Skyline am linken Weserufer.
Die Feiern (und, wie ich hörte, Unruhen) hier zu Bremen habe ich unbemerkt an mir vorübergehen lassen. Für mich begann das neue Jahr in dem Moment, als ich in diesem Raum Quartier bezog. In diesem Augenblick wurde die Welt zeitweilig mein Konzept und mein Konzept zeitweilig die Welt. Wenn ich mein Konzept noch einmal lese, bekomme ich das Gefühl, ein Zauberer zu sein: "Und aus diesem Hut zaubere ich...' [...]
Grüße von Arnold.
Bremen, 9. Januar 1994
Lieber Andre, in meinem Konzept hatte ich angekündigt, einige Tage durch das Bremer Hafengebiet zu streifen. Daraus ist noch nicht viel geworden. Meine Streifzüge beschränken sich auf die Schreibwaren- und Sportabteilungen von Karstadt und Horten. Mehrmals stieg ich im Schreibwarenhandel Dörrbecker freiwillig in den Keller, um mit einer gefüllten Tasche und einem vollen Notizblock wieder herauszukommen. (Hast Du schon mal von einem 'Bleistiftverlängerer ' gehört? Oder von einem 'Heftschoner '? Herrlich!)
- Den größten Teil der Reise nach Brielle hatten wir hinter uns: Über die Vliet und die Schie hatte der Konvoi der "Unie van Watertouristen" Rotterdam erreicht. Die Vorhut der Flotte nahm in der Parksluis Platz, um geschleust zu werden.
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Als erstes verließ das Schiff des Vorsitzenden Pons die Schleuse, um den Mitgliedern der "Unie" beim Einordnen in die Nieuwe Maas voranzufahren. Eine Entfernung von ungefähr 3.78 Seemeilen (= 7 km) über die wilden Wasser der Nieuwe Maas war zurückzulegen. Danach würden wir an Backbord die ruhigere Fahrrinne der Brielse Maas erreichen. Am Ende des Müllerpiers angelangt schlugen wir Steuerbord ein, und die große Überfahrt konnte beginnnen.
In unsere Schwimmwesten gepackt hatten wir auf dem offenen Achterdeck Platz genommen, damit wir das Schiff bei eventuellem Kentern ungehindert verlassen konnten.
Auf dem Schiff vor uns stand Herr Pons kerzengerade hinter dem Steuerrad. Sein Rücken strahlte Vertrauen aus. Wir konnten unsere Schaluppe im rechten Winkel zu den Wellen steuern, so daß die Wirkung des Wellenschlags nur als wuchtiges Klatschen des Rumpfes auf die Wasseroberfläche spürbar war. In der direkten Umgebung war kaum Verkehr. In der Ferne kamen uns einige große Containerschiffe entgegen.
(Die Gesetze der geometrischen Optik lassen sich teilweise auf das Verhalten der Wellen anwenden. Man könnte eine Wellenlinie mit dem sich linear fortplanzendem Lichtstrahl vergleichen. Die Ufer der Maas könnte man in diesem Fall gleichsetzen mit den Flächen eines Prisma, die das einfallenden Licht im selben Winkel zurückwerfen.)
Das Achterdeck: In dem Hexenkessel, in dem wir uns eine Viertelstunde später befanden, war klar, daß die Wahl einer idealen Ecke mit den aus allen Richtungen heranrollenden Wellen nicht mehr im Bereich des Möglichen lag. In dem ekelhaft sausenden Rund bissen wir die Zähne zusammen.
An einem andern Ort, in der Kajüte: Das Gummiband, das um die Schrankgriffe gewickelt war, um die Türen extra zu sichern, unterlag dem Gewicht des gesamten Geschirrs, das sich an der Rückseite der Türen aufgestapelt hatte: Sie flogen auf. Die kinetische Energie des Seegangs wurde direkt umgesetzt in die mehrfache, geräuschvolle Karambolage, die Butterdose, Teller, Tassen und Töpfe in der Kajüte zustande brachten. -
[...]
Grüße von Arnold.
Düsseldorf, 10. Januar 1994
Lieber Arnold, seltsam, jetzt wo ich mich auf den Anfang dieses Briefes besinne, schießen mir Erinnerungen durch den Kopf. Ich könnte genausogut mit den Fragen beginnen, die ich Dir stellen will, aber der Drang, Dir ein-zwei Sätze zu schreiben, die mit Deinem Auftrag zu tun haben, ist schon sehr groß. Zuallererst schossen mir Worte des Cineasten/Zotenreißer Achternbusch durch den Kopf, was natürlich verrückt ausgedrückt ist, da mein Gedächtnis diese Worte weiß und sie also nicht irgendwohinein schießen können, weil mein Gedächtnis da drinnen ist, oder es ist so, daß "durch den Kopf schießen" als "in mir schießt es" gelesen werden muß, aber egal. Er soll gesagt haben: "Schau, die Wahrheit ist ein Floß. Damit setzt man über. Dann läßt man sie zurück. Das ist unsere Situation." Jetzt Du und dann er wieder. Die Wahrheit ist ein Floß. Begreife ich: ein steuerloser Bretterboden, aber die Füße bleiben trocken und man kommt auch mal irgendwo hin. Wenn man einfach so aufspringt, wird man auf den Golfströmen der Ozeane enden, letztendlich. Der Tod ist in diesem Fall zwar nicht gewiß - ein routinierter Alkoholiker braucht wahrscheinlich länger, hat aber mehr Gewißheit - doch die Aussicht, in Lappland von einer Gemeinschaft von 50 Fischern und Jägern liebevoll aufgenommen zu werden, ist auch nicht sehr wahrscheinlich. Der nächste Satz bringt Interpretationsprobleme: Damit, mit dem Floß, setzt man über. Wer das Floß benutzt, hat eine Stange, sonst erreicht er das andere Ufer nicht. Aber was wird übergesetzt? Ein Objekt, eine andere Person, das Ich? Ist es die Hauptperson selbst, die ans andere Ufer gebracht wird, mittels der Wahrheit, dann hätte da doch "überquert man" stehen müssen? Wenn es hier um eine Bildsprache geht, dann gehören das Wasser und das andere Ufer auch dazu und müssen wir dahinter kommen, was sie symbolisieren. Ist das Wasser das Böse oder die Lüge? Oder ist das Wasser ein Hindernis, das nur mit der Wahrheit genommen werden kann? Und warum müssen wir ans andere Ufer? Was erreichen wir, wenn wir mit dem Floß Wahrheit übersetzen? Ist das andere Ufer dann etwas anderes als das Land der Wahrheit? Warum wollen wir dorthin, wenn es an Land keine Wahrheit gibt? Warum gibt es nur auf dem Wasser Wahrheit? Auf zum nächsten Satz, ich hoffe, daß er den Schlüssel enthält. "Dann läßt man sie zurück." Ist das Zynismus? Sobald wir mittels der Wahrheit unser Ziel erreicht haben, brauchen wir sie nicht mehr! Ich würde das Floß zur Sicherheit über die Schulter nehmen oder einen Anhänger dafür bauen. Oder liegt in jedem Fluß ein Floß bereit? Warum gibt es an Land nicht so eine Art Fahrräder-für-alle-Plan, wie damals in Amsterdam, nur jetzt für die Wahrheit? Warum können wir die Wahrheit nur dann gebrauchen, wenn ein Hindernis vor uns liegt? Warum ist die Wahrheit ein Floß? Ich kann das nur akzeptieren, solange unsicher ist, ob das Floß verrottet ist oder aber in Ordnung, denn dieses Vehikel war doch noch nie eine Garantie für das Erreichen des Ziels? Oder meint man mit dem anderen Ufer die andere Seite? [...] Ist das immer so mit Bildsprachen, die so überzeugend sind, daß sie in die Zeitung kommen?
Düsseldorf! Bootstadt! Boot '94 schon wieder! Kein Prospekt, der nicht darauf hinweist! Hannover, Handel und vor allem Technik. München, Achternbusch und vor allem Bier, aber Düsseldorf, Kunst und vor allem Die Boot! Dieses Mal muß ich hin. Und zwar deshalb: Durch meine Angst vor Wasser verstehe ich nicht soviel von der Welt, die doch wohlgemerkt zu 70 Prozent aus Wasser besteht. Ich erinnere mich an die Eindrücke, die Photos von Bootausstellungen bei mir hinterließen, als ich von der Außenwelt noch nicht viel wußte. Eine Halle voller Boote: Wie können die Menschen die Boote betrachten? Haben sie die Halle mit Wasser vollaufen lassen? Mußten sie dann auch Gerüste bauen? Ich zog den Schluß: Boote liegen im Wasser, diese Boote liegen in einer Halle, also muß die Halle unter Wasser stehen. Aber ich hatte noch nie so eine Halle gesehen. Was ich aber sah, stimmte nicht. Hunderte von Booten mit gehißten Segeln dicht nebeneinander in einer großen Halle. Der springende Punkt war: Wie haben sie die da hinein bekommen und warum haben sie das getan? Mit elf Jahren war ich des Handels, des Transports, aber vor allem des Wassersports unkundig! Weil es sich um etwas Wäßriges handelte, kam ich nicht auf den Kern der Sache. So habe ich damals die logistischen Probleme nicht gelöst. Das Phänomen "Boot" interessierte mich nicht. Zumindest nicht die Boote mit diesen abstoßend fremden großen weißen Tüchern daran. Diese Boote hatte ich noch nie fahren sehen, und ich wußte auch noch nicht, daß es ein Vergnügen ist, mit dem messerscharfen Kunststoff durch das Wasser zu schneiden.
Boot war für mich ein Stechkahn mit einem Staken, eine schwarzgeteerte Schute, mit der man mit Hilfe einer langen Stange etwas wegbringen oder abholen konnte. Ich verstand die Segel nicht. Als ich vor 15 Jahren zum ersten Mal in Düsseldorf war, erschrak ich vor der vielen Reklame für Die Boot. Ich konnte die Fragen, die ich mir als Kind gestellt hatte, nicht beantworten. Ich war perplex über die offensichtliche Wichtigkeit dieser Messe. (Ich kannte das Wort Messe, aber was das war, wußte ich nicht; wann wußtest Du, was Messehalle bedeutet?) Die Plakate waren tothäßlich, wie immer bei großen Veranstaltungen, auf denen sich eine enorme Anzahl von Menschen vergnügt. Ich nicht. Heute weiß ich, daß meine Abneigung gegen Wasser so groß war, daß ich die Form von Segelbooten verabscheute, und darüberhinaus gruselte mich das widerliche optimistische Blau-Weiß. Ich konnte also die Fragen noch immer nicht beantworten, die ich zehn Jahre vorher, als meine Wasserangst noch nicht für immer und ewig Teil meines Nervensystems war, aufgrund von einem Photo gestellt hatte. Und ich kann es immer noch nicht. Ich gehe zur Boot.
Übrigens, Arnold, eine dritte Erinnerung, die Verbindung zwischen den beiden vorherigen, schoß gerade in mir. Mit elf Jahren, in dem Jahr, als ich ein Photo nicht verstand, fuhr ich mit einem Floß über einen kleinen See. Nelly van Gerven war mein Passagier. Ich, der Fährmann der Wahrheit, setzte sie über. Kurz vor dem Ufer, kurz bevor die Wahrheit anlegte, und ich, dank der Stabilität der Wahrheit, die Lüge gegenüber meiner Mutter, daß ich nie Floß fahren würde, aufrechterhalten konnte, geriet Nelly durch ein Schaukeln des Floßes in Panik. Sie versuchte, das Gleichgewicht wiederherzustellen, indem sie sich auf die andere Seite stellte. An jener Seite rutschten wir also kreischend und klammernd ins Wasser. Sie weinte vor Angst, und ich war wütend vor Angst. Sie würde es nicht weitererzählen und ging nach Hause. An diesem Nachmittag ging ich zu einer kleinen Werft, von der ich wußte, daß dort niemand hinkam. Dort wusch ich meine Kleider im sauberen Wasser des Haantje und wartete, bis sie trocken waren. Als ich nach Hause kam, bekam ich nicht einmal die Chance zu lügen. Nelly hatte mich verraten, sie hatte mein Floß Wahrheit zum Sinken gebracht. Die Wahrheit, daß ich ganz gut mit einem Floß umgehen konnte und die Warnungen meiner Mutter überflüssig waren, mußte über Bord. Nie mehr würde meine Wahrheit fahren. Meine Angst vor Wasser war endgültig. [...]
Grüße von Andre.
Düsseldorf, 18. Januar 1994
[...] Liebes Boot Düsseldorf, gratuliere zu Deinem 25-jährigen Bestehen, wir wünschen Dir weiter Mast- und Schotbruch. [...]
Grüße von Andre.
Bremen, 20. Januar 1994
Lieber Andre.
Montag, 10. Januar 1994, 15.00 Uhr:
Zuerst sprach ich meine Muskeln an: "Lieber Bizeps, Trizeps, links und rechts." Ich setzte die Querspanten von Vor- und Achtersteven und den Innenkiel in sorgfältig bestimmten Abständen voneinander in das Trockendock.
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Damit legte ich das Profil des zukünftigen Fahrzeugs fest. Danach mußte das Fichtenholz für den Kiel in Form gebogen werden. Das eine Ende der Latte steckte ich unter die Kante von meinem Stahlschreibtisch. Das andere Ende beschwerte ich mit soviel Gewicht wie das Holz (ver)tragen konnte. Die Stelle, an der die Biegung beginnen mußte, unterstützte ich mit einem in der Höhe verstellbaren Pfosten. Bevor ich mit dem Erhitzen beginnen konnte, mußte ich den Schreibtisch ganz schön beschweren, weil er durch die Hebelwirkung ständig spazieren ging.
- Nervös stand ich mit der, in Zellophan verpackten, Zigarre im Anschlag an der Steuerbordseite des Achterdecks. Ich peilte und peilte immer wieder die Position des Brückenwärters, der routiniert aus dem Fenster seines Häuschens lehnte. Am Ende der noch eng an der Angel liegenden Leine war der Holzschuh zu sehen. Starr hielt ich den Blick auf das Objekt gerichtet. Und da schlug er aus. Ich schlug wild um mich als hätte ich Flügel. Durch die unkoordinierten Bewegungen wickelte sich die Leine um meinen Arm. Ich bekam wenig Zeit, meinen Arm freizukriegen. Die in der Hast neben den Holzschuh, ins Wasser, geworfene Zigarre hatte nicht das unmittelbare Niedersausen der Brücke und damit unseren Untergang zufolge, sondern das kaum wahrnehmbare Schulterzucken eines beliebigen Beamten im Dienst. -
Die Latte wird durch Erhitzen der Unterseite bei gleichzeitigem Naßhalten der Oberseite gebogen. Durch dauerndes Spielen mit dem Gewicht und Verändern des Unterstützungspunktes kann man genau die richtige Kurve bekommen. An diesem Tag gelang es, die Kielplanke und zwei andere Planken so zu biegen, daß sie spannungsfrei an die Spanten anschlossen.
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Das Sperrholz anzubringen, die Fläche, die in Kürze naß von trocken trennen soll, war verglichen damit ein Kinderspiel.
Freitag nachmittag hatte ich (wenn auch in seiner rohesten Form) ein selbst für einen Laien erkennbares Boot.
Den Samstag verbrachte ich damit, den Rumpf zu verstärken und Vorrichtungen anzubringen, die für die spezifische Aufgabe dieses Schiffes unentbehrlich sind: Unter dem Passagiersitz installierte ich ein Bücherregal, in dem ich während des Fährdienstes meine Wörterbücher stellen werde. Dreht sich der Ruderer auf seiner Bank um, sitzt er vor einem demontierbaren Schreibtisch, worauf eine Schreibmaschine und andere Gegenstände, die zum Ausfüllen der Fahrscheine benötigt werden, angebracht sind. Ich baute einen Lattenrost, der verhindern muß, daß der Fährlustige schon gleich beim Einsteigen durch den Boden der Fähre bricht. Als allerletzten Hinweis, daß es sich hier um ein Ruderboot handelt, schraubte ich die Dollen an die Reling.
- Der Startschuß war gefallen. Meine Sportschuhe hatten Mühe, auf dem glattlackierten Boden des kleinen Bootes Halt zu finden. Mein Gegner und ich: So auf den ersten Blick legten wir gleichzeitig ab. Die Dollen knirschten und quietschten unter der Gewalt unserer Schläge. Auf dem Steg, von dem wir uns lösten, wurde laut angefeuert. Es war nicht auszumachen, welchem Ruderer es galt. So gerade wie möglich hielten wir Kurs auf die Boje, die umrundet werden mußte. Ich erreichte als erster den Wendepunkt und glaubte mich der Trophäe sicher.
Beim Wenden des Bootes schoß das rechte Ruder aus seiner Dolle und landete im Wasser. Langsam bewegte es sich von mir fort. Bei meinem Versuch, mich des Deserteurs zu bemächtigen, verließ auch das linke Ruder längs der anderen Seite das Schiff. Entsetzt zog ich mein T-Shirt aus, um die Reichweite meiner Arme zu verlängern: Die Schläge mit dem Kleidungsstück auf das Wasser vergrößerten nur den Abstand zwischen dem Objekt der Begierde und mir. Auf dem Steg jubelte man meinem in aller Ruhe einlaufenden Rivalen ausgelassen zu. Ich sah mein weißes T-Shirt feierlich im graugrünen Wasser der Kagerseen versinken. -
Ab jetzt wird mich der Kranführer jeden Morgen, lange bevor die Sonne aufgeht, aus dem Bett lichten. Manchmal, bei seinen Runden durch den Bremer Morgenhimmel, dringt das Licht einer Baulampe, die in die Achsel des Krans montiert ist, durch bis in mein Schlafzimmer. In diesem Augenblick drehe ich mich noch einmal um. (Der Kran hat an Respekt eingebüßt, seit ich dahintergekommen bin, daß man einen Kran brauchte, um ihm seine heutige, hohe Position zu verschaffen.)
Gedanke nach dem Erwachen:
Das Schiff muß sich mit der Ladung begnügen, die es in seinem Bauch transportiert.
Der Mensch muß in dem Körper Gefallen finden, mit dem er/ sie seine/ ihre Identität durch den Raum bewegt.
Das Gehirn muß aus den Gedanken, die innerhalb seiner Begrenzungen aufgekommen sind, das Beste machen.
Dem Wort steht es frei, sich jederzeit von der Bedeutung loszumachen, mit der es ausgesprochen wurde .
Noch bei keinem anderen bisherigen Projekt habe ich mich im Schaffensprozeß so stark von der Intuition leiten lassen. Hatte ich anfangs die Angst, unvorbereitet in die Manege geschubst zu werden, um eine Jongliernummer zum besten zu geben, bin ich nun über die Zaubernummer aus einem vorangehenden Brief von meinem Agenten als Seiltänzer gebucht. Während der Proben weist alles darauf hin, daß die Vorsehung ein unsichtbares Netz unter dem straff und hoch gespannten Stahlseil, das ich mit zögerndem Schritt überquere, gespannt hat. So eine Vorkehrung kommt dem Selbstvertrauen zugute. (Nur der Versuchung widerstehen, das Netz auszuprobieren und womöglich zu Tode zu stürzen.)
Während Australien nachschwelt und Los Angeles nachbebt, während Limburg nachwischt und Washington erfriert, erprobe ich in der Dachstube meines Vorstellungsvermögens mit angehaltenem Atem die Kunst der Balance ! Meine Füße finden von selbst die richtigen Stellen auf dem Seil hoch über der vorgestellten Manege. Langsam bekommen die Handlungen, die am kommenden Sonntag, dem 20. Februar, vollzogen werden sollen, natürliche Folge, Form und Sinn.
- "An Sonntagen ist die Brücke nicht besetzt." Die verpaßte Chance auf ein Kreuz, das man über die aufeinanderfolgenden Bewegungen von Schiff und Auto schlagen könnte, nahm die fromme Gemeinde in Kauf. Für den Schiffer bedeutete das: mit Aussicht auf Kaimauer und Duckdalben die Zeit totzuschlagen. Nach wiederholten Messungen stellte sich heraus, daß die Durchfahrt unseres Schiffes mit heruntergeklappten Fenstern, demontiertem Mastbaum, gestrichener "Unie"-Flagge und etwas extra eingelassenem Wasser im Rahmen des Möglichen war. Mit einer Person auf dem Vordeck liegend und einer auf dem Quarterdeck hockend brachten wir das Boot vor der Brückenöffnung in Position. Mit dem Gebälk der Brücke als Halt zogen wir das Boot langsam unter die Brücke. Weisungen gebend in der seltsamen Akustik, wie man sie nur unter Brücken findet, lotsten wir das Boot auf die andere Seite. Als ich mich nach der beklemmenden Passage wieder aufrichtete, traf mich von oben ein feiger Schleim an der Stirn. -
Heute habe ich mich aufs Fahrrad gesetzt, um der Weser ein Stück stromaufwärts zu folgen. Der Radweg schlängelte sich über einen Deich. In der Landschaft findet sich kaum noch eine Spur von der Stadt, die man gerade erst verlassen hat. Die erste Möglichkeit, den Fluß zu überqueren, ist beim großen Weserwehr. Das Getöse, das das vom Radweg aus unsichtbare Wasser macht, zwingt den Radfahrer, einen Blick über die Ballustrade des Wehres zu werfen. Mit großer Schnelligkeit, aber flach, kommen die Wassermassen herangeströmt. Die Pfeiler des Wehres kämmen Scheitel hinein. In dem Strudel zwischen den Pfeilern wird ohrenbetäubend, aber virtuos, über das Thema der Hydrostatik improvisiert. Trotz der enormen Wassermenge, die hier vorbeiströmt (in Zukunft will man damit Turbinen antreiben), nimmt die Wasseroberfläche hier eine nahezu gleichbleibende plastische Gestalt an, hochglänzend wie Gießharz es sein kann. Es ist, als sei die Luftsäule, auf die ich hinabschaue, die Matrize, unter der das fortjagende, sonst so amorphe Wasser, kurzzeitig in eine Form gepreßt wird. Dieselbe Leistung wird zwischen den nächsten Pfeilern und den nächsten dargeboten.
Das Boot ist fertig: Die Poller sind montiert, die Fangleine ist angeschlagen, der Rumpf hochglanzlackiert, die Ruder sind gekauft. An einem der nächsten Tage werden Horst und ich eine Probefahrt machen in diesem Fahrzeug, das bis zur Taufe noch ohne Namen auskommen muß. Um mir die Schmeißfliegen von der Presse vom Leib zu halten: vorerst zu einer geheimen Uhrzeit an einem geheimen Ort. Ich kann nur soviel verraten, daß es bei Flut in der Nähe des Wassers sein wird.
Grüße und viel Boot von Arnold.
Bremen, 1. Februar 1994
Lieber Andre, auf das Stadium des auflaufenden Wassers folgt das des ablaufenden Wassers. Der abnehmende Mond löst den zunehmenden ab.
Nach einem Monat von der deutschen Sprache umspült zu sein, nachdem ich mich daran gelabt habe, stelle ich fest, daß mein Niederländisch bis hinter den Punkt, an dem das Unterbewußtsein in das Bewußtsein mündet, zurückgetrieben ist. Ich denke mir treffende Titel auf Deutsch aus und stelle zu meiner Verwunderung fest, daß mir der Rückweg zu einem passenden niederländischen Äquivalent entfallen ist. Etwas Vergleichbares spielte sich draußen ab. Das salzige Wasser der Deutschen Bucht drängte mit Hilfe eines Nordweststurms das süße Wasser der Weser zurück bis weit hinter die Mündung. Der Wasserstand erreichte Höhen, die er seit Menschengedenken nicht mehr erreicht hatte. Es schien beinah, daß der Name des in der Weserburg ausgestellten "drift wood circle" von Richard Long zur Prophezeiung würde, anstatt Titel eines Kunstwerks zu sein. Das Wasser taumelt rückwärts anstatt vorwärts über die Schütze des Wehres. Für einen Moment wird uns ein Blick in die Vergangenheit gegönnt.
- Er hatte seinen Stuhl auf der Spitze der Insel ausgeklappt. Bevor das Sitzen beginnen konnte, mußte eine Reihe von Handlungen erledigt werden. Die Entfernung zwischen uns war zu groß um festzustellen, ob bei diesem Ritual auch gesprochen wurde. Danach nahm er seinen Platz ein, rechts neben sich den Hund, der Männchen machte, und links den Kescher. Konzentration. Ködern, auswerfen, einholen. Die Rolle ratterte. "Kuckuck..." (im Wald).
Als ich diesmal zu ihnen kam, erhob mein Opa sich aus seinem Stuhl. Beim Aufrichten kontrollierte er tastend die Position des Keschers. Hinter seinem Rücken gestikulierte er abwehrend. Langsam holte er die Leine ein. Sein Blick und der des Hundes waren eins, gerichtet auf den Punkt, an dem die Angelschnur den Wasserspiegel schnitt. [...] Der Leib paßte nicht in der ganzen Länge in den Kescher. Mit Schlägen des Schwanzes versuchte er sich aus seiner Zwangsjacke zu befreien. Der Hund mußte sich bei dem Anblick von soviel Schönheit erst mal setzen.
Hack!: Schnappend fiel der Fischkopf ins Gras.
Ratsch!: Schnitt das Messer den silbernen Fischleib der Länge nach durch. Als hinge er an Scharnieren, so schwang der Körper auf. In einer aufgeräumten kleinen Kammer mitten in der Unordnung der Eingeweide knickerte das Fischherz weiter, festentschlossen, das Leben mit oder ohne Kopf fortzusetzen. Ich war beeindruckt von dem Anblick von soviel Überzeugungskraft in einer so eindeutig verlorenen Lage.
Opa zeigte auf das noch furchterregend weiterschnappenden Schnabelmaul im Gras. "Peer," sagte er, "ein Hecht ist ein Raubfisch, zäh und beinah unverwüstbar."
Der Hund fing das ihm zugeworfene Fischfleisch mit Dankbarkeit.
Seit jenem Augenblick konnte ich die Wasserfläche der Seen nie mehr ohne Mißtrauen anschauen. -
Das Wasser hat seine normale Fließrichtung wiedergefunden und enthüllt die überschwemmten Gebiete, die vor ein paar Tagen noch Land unter waren. Trocknende Wege werden wieder an das begehbare Wegenetz angeschlossen.
Ich glaube, es ist Zeit zur Besinnung: Ich überblicke die Gedankensammlung, die meinem Geist in dieser Periode entsprossen ist. Ich beurteile die Formen, in denen ich die Gedanken unterbrachte. Ich glaube, ich kann beruhigt sein, auch wenn unklar ist, was mich unter ihrer Oberfläche erwartet.
Grüße von Arnold.